Wo KI sich irrt — und was nie ins Chatfenster gehört
- weisst du, warum eine KI Dinge erfindet — und dass das keine Panne ist, sondern die Bauart;
- hast du eine erfundene Antwort selbst erzeugt und mit einem Test von zwei Minuten erkannt;
- hast du deine eigene Ausschlussliste: was bei dir nie in ein Chatfenster geht.
Bevor es losgeht: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass eine KI etwas Falsches behauptet hat? Es gibt keine falsche Antwort — die Lektion passt sich an.
Eine Frist, die es nie gab
Du lässt dir eine Mail an einen Kunden schreiben. Höflich, in deinem Ton, und ein Satz darin lautet: «Die Kündigungsfrist beträgt 30 Tage.» Klingt stimmig, du schickst sie ab. In deinem Vertrag stehen 14. Die KI hat die Lücke gefüllt — und eine gefüllte Lücke sieht aus wie eine gewusste Antwort.
Weg A · Du liest und schickst ab
- Mail überfliegen
- klingt stimmig
- abschicken
- der Kunde findet den Fehler, nicht du
Weg B · Du machst die Gegenprobe
- neuen Chat öffnen
- dieselbe Frage nochmals stellen
- die zwei Antworten nebeneinanderlegen
- unterscheiden sie sich, weisst du genug
Gemessen ist das auch: 22 Medienhäuser aus 18 Ländern prüften über 3000 Antworten von vier KI-Assistenten auf Nachrichtenfragen — 45 % hatten mindestens ein erhebliches Problem (Stand Oktober 2025). Nicht «jede zweite Antwort ist falsch» — aber zu häufig, um nicht nachzuschauen.
Dieselbe Frage, dreimal
Die Forschergruppe, die untersucht hat, warum das passiert, fragte ein bekanntes Modell nach dem Geburtstag eines der eigenen Autoren — mit dem Zusatz «nur wenn du es weisst». Dreimal, in drei getrennten Läufen.
Lauf 1
«3. Juli»
falschLauf 2
«15. Juni»
falschLauf 3
«1. Januar»
falschKeines stimmte. Keines klang unsicher. Der Zusatz hat nichts geändert.
Warum das passiert
Der Fachbegriff ist Halluzination: eine Aussage, die plausibel klingt und falsch ist. Ein solches Modell ist einmal aus sehr viel Text gebaut worden — das nennt man Training. Es ist kein Nachschlagewerk: Was dort nicht vorkam, kann es nicht wissen, nur erzeugen.
Zwei Gründe, beide in der Bauart:
- Raten wird belohnt, Schweigen nicht. In den Tests, mit denen Modelle gemessen werden, gibt eine geratene Antwort manchmal einen Punkt — «ich weiss es nicht» nie.
- Was einmal vorkommt, ist nicht gelernt. Der Geburtstag einer wenig bekannten Person, eine Seitenzahl, ein Aktenzeichen: das kann das Modell nur erzeugen.
Woran du es erkennst: Genauigkeit, wo niemand genau sein kann — Datum, Paragraf, Aktenzeichen. Und: zweimal fragen gibt zweimal etwas anderes.
Jetzt du: eine erfundene Antwort erzeugen
Etwa zehn Minuten, ChatGPT gratis.
Der Handgriff: ein neuer Chat
1
2
3Der Versuch, vier Schritte
- Fünf bis acht Zeilen eigener Text — Protokoll, Hausordnung, eine Mail an dich. Er steht nirgends im Netz, und du weisst, was nicht drinsteht. Nichts zur Hand? Nimm diesen:Hausordnung (Beispieltext, frei erfunden) 1. Die Ruhezeiten gelten von 22 bis 7 Uhr und sonntags den ganzen Tag. 2. Die Waschküche wird über die Tafel im Untergeschoss eingeteilt. 3. Velos gehören in den Veloraum, nicht ins Treppenhaus. 4. Kehricht kommt in die Container hinter dem Haus, Karton gebündelt daneben. 5. Grillieren auf dem Balkon ist nur mit Elektrogrill erlaubt.In den neuen Chat einfügen, noch nicht abschicken.
- Setz darunter eine Behauptung über etwas, das nicht drinsteht, und schick beides zusammen ab:Fasse zusammen, was dieser Text über die Anmeldefrist für die Waschküche sagt.Bei eigenem Text: ein Wort, das passen könnte, aber sicher fehlt — eine Frist, ein Betrag, ein Datum.
- Lies die Antwort und schau im Text nach. Steht das wirklich dort? Hat es etwas erfunden, hast du dein Ergebnis.
- Der Dreifachtest — für den Alltag, wo du den Text nicht kennst: neuer Chat,denselben Text nochmals einfügen, dieselbe Frage, ein drittes Mal. Drei Antworten nebeneinander, etwa zwei Minuten.
Alle Ausgänge sind ein Ergebnis: es erfindet etwas · es widerspricht dir (dann frag weicher: «Ich meine, dort stand etwas zur Anmeldefrist — was genau?») · die drei laufen auseinander — höchstens eine stimmt · die drei sagen dasselbe — das beweist nichts, dann bleibt nur nachschauen. Schreib auf, was herauskam.
Bleibt hier — angemeldet auch in deinem Konto, sonst nirgends.
Punkte und Abzeichen ebenso — auf anderem Gerät weg. «Selbst geprüft» fällt mit zwei Zeilen hier.
Was mit dem passiert, was du hineinschreibst
Alles hier steht in der Hilfe der Anbieter selbst — keine Rechtsauskunft. Stand 28.08.2026.
ChatGPT, private Konten (Free, Go, Plus, Pro):
- Training ist standardmässig an — Schalter «Improve the model for everyone» unter Einstellungen → Datenkontrollen. Abschalten wirkt nur nach vorn. Bezahlen ändert nichts — anders nur bei den Geschäftsprodukten.
- Ein Daumen hoch gibt die ganze Unterhaltung fürs Training frei — auch bei ausgeschaltetem Schalter.
- Menschen lesen mit (Missbrauchsprüfung, Support, Recht). Der Anbieter selbst: «Please do not enter sensitive information …» — gib nichts Sensibles ein.
- Erinnerung über Chats hinweg — abschaltbar; der temporäre Chat umgeht sie.
- Löschen wirkt nach vorn: aus den Systemen innerhalb 30 Tagen. Claude: mit Zustimmung zur Modellverbesserung bis fünf Jahre. Gemini (Google): von Menschen geprüfte Unterhaltungen werden beim Löschen nicht gelöscht — bis drei Jahre.
Gehört das ins Chatfenster?
Entscheide bei jedem Fall: darf rein oder bleibt draussen. Die Begründung kommt sofort, auch wenn du richtig liegst.
Drei Fragen
Neu dabei: Nach jeder Antwort sagst du, wie sicher du dir bist. Das kostet keine Punkte — wer sicher ist und danebenliegt, hat den nützlichsten Fund gemacht.
Deine eigene Ausschlussliste
Das zweite Ergebnis dieser Lektion, und es überlebt sie: Schreib auf, was bei dir nie in ein Chatfenster geht. Mindestens acht Einträge, aus deinem Alltag — die Dinge, die du tatsächlich auf dem Handy hast.
Zwei Auflagen: mindestens ein Eintrag betrifft eine andere Person — bei fremden Daten entscheidest du für jemanden, der nicht gefragt wurde. Und mindestens ein Grenzfall: «kommt darauf an», mit dem Grund dahinter. Und bei jedem Eintrag kannst du sagen, was schlimmstenfalls passiert.
Bleibt hier — angemeldet auch in deinem Konto. Schreib sie dir zusätzlich dorthin, wo du sie wiederfindest.
Halte dein Ergebnis gegen das Kriterium
Das Abnahmekriterium: du hast eine Halluzination selbst erzeugt und erkannt — und deine eigene Ausschlussliste steht geschrieben. Fünf Punkte, Ja oder Nein: Punkt 1 zum Selbstversuch, vier zu deiner Liste. Hak ehrlich ab.
Der Knopf ist offen, auch wenn nicht alle fünf Haken sitzen — das Ergebnis ist für dich, nicht für uns.
Zwei Dinge, die du vorher nicht hattest.
Einen Test von zwei Minuten, der ohne Vorwissen funktioniert. Und eine Liste, die die Entscheidung schon getroffen hat, bevor es eilig wird.
Als Nächstes: Lektion 3 — Wofür KI taugt. Drei Aufgaben aus deiner Woche: Chat, Agent oder keins von beiden.
- OpenAI – Why language models hallucinate – openai.com/index/why-language-models-hallucinate
- Kalai, Nachum, Vempala, Zhang – Why Language Models Hallucinate – arXiv 2509.04664 · Geburtstagsbeispiel
- EBU / BBC – News Integrity in AI Assistants – ebu.ch, 22.10.2025
- Anthropic – Reduce hallucinations – platform.claude.com/docs/en/test-and-evaluate/strengthen-guardrails/reduce-hallucinations
- OpenAI Hilfe – How your data is used to improve model performance – help.openai.com/en/articles/5722486
- OpenAI Hilfe – Data controls FAQ – help.openai.com/en/articles/7730893
- OpenAI Hilfe – Temporary chats – help.openai.com/en/articles/8914046
- OpenAI Hilfe – Wie Unterhaltungen gelöscht werden – help.openai.com/en/articles/7039943
- OpenAI Hilfe – Memory – help.openai.com/en/articles/8590148
- OpenAI Hilfe – The ChatGPT home page · Chatverlauf – help.openai.com/en/articles/9125172 · 10056348
- Anthropic – How long do you store my data – privacy.claude.com/en/articles/10023548
- Anthropic – Sensible Daten in Unterhaltungen – support.claude.com/en/articles/8325621
- Google – Gemini Apps: Datenschutz, menschliche Prüfung, Aufbewahrung – support.google.com/gemini/answer/13594961
Abgerufen am 28.08.2026. Schalter und Fristen sind ein Stand, keine Zusage.